Stellungnahme der DVPB NW zur ökonomischen Bildung

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Stellungnahme der DVPB NW zur ökonomischen Bildung

Das Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW hat in einer Pressemeldung am 26.11.2018 mitgeteilt, dass das Schulfach „Wirtschaft“ in Nordrhein-Westfalen zunächst an Realschulen eingeführt wird. An Gesamtschulen und Gymnasien wird das Unterrichtsfach in der Sekundarstufe I  in „Wirtschaft-Politik“ umbenannt. In der gymnasialen Oberstufe soll der Lernbereich „Wirtschaft“ im Integrationsfach „Sozialwissenschaften“ ausgebaut werden. Immerhin, das  Integrationsfach bleibt bestehen. Hier hat die pädagogische, didaktische und politische Vernunft und Sachverstand im Schulministerium gesiegt, denn ökonomisch geprägte gesellschaftliche Probleme und Lebenssituationen ohne ihre politische und soziale Dimension zu thematisieren, wäre unverantwortlich den Schüler*innen gegenüber und wissenschaftlich auch nicht zu vertreten.

Bei der Konzeption der Lehrpläne sollen laut Schulministerium auch außerschulische Akteure eingebunden werden. Die DVPB NW als Verband der politisch-ökonomischen Bildung wäre einer der zentralen Ansprechpartner für dieses Vorhaben, aber bei einer diesbezüglichen Anfrage an das Schulministerium wurde die DVPB NW auf die Verbändeanhörung vertröstet. So ist zu befürchten, dass der größte Verband für politisch-ökonomische Bildung in NRW den Lehrplanentwicklungsprozess nicht begleiten kann, stattdessen aber dominant Wirtschaftsverbände und Interessenverbände vertreten sind und sein werden, die bisher für ein monodisziplinäres und monoparadigmatisches Unterrichtsfach plädiert haben.

Die DVPB NW ist weiterhin bereit, sich aktiv bei der Entwicklung der Lehrpläne zu beteiligen, nicht erst bei der Verbändeanhörung!

Die neue Fachbezeichnung „Wirtschaft-Politik“ für die Sekundarstufe I kündigt jedoch eine deutliche Verschiebung der inhaltlichen Schwerpunkte bereits an. Die Fachbezeichnung „Gesellschaft, Politik, Wirtschaft“ wäre eine innovativere, auch international anschlussfähigere Wahl gewesen, weil sie dem ganzheitlichen Charakter gesellschaftlicher Bildung gerechter würde.

Es ist zu befürchten, dass mit den neuen Lehrplänen die politischen und sozialen Themen an Schulen noch weiter an den Rand gedrängt werden.  Zur Erinnerung, bereits heute umfasst der Inhalt „Berufsorientierung“ mehr Lernzeit an Schulen als alle politisch-sozialen Themen insgesamt! Schüler*innen äußern in Befragungen, dass sie keinen weiteren Bedarf an Berufsorientierung haben. In der Vodafone-Studie 2014 wünschen nur 24% der befragten Schüler*innen mehr Berufsorientierung. 76% äußern keinen weiteren Bedarf  (Vodafone-Studie 2014, S. 31).
Dagegen fordern Schüler*innen und Eltern mehr politische Bildung. Sind die  Lernbedürfnisse der Schülerinnen und Schüler, die in gesellschaftlich unruhigen Zeiten mehr politisches und soziales Orientierungs- und Reflexionswissen wünschen, ohne Bedeutung für Frau Ministerin Gebauer ?

Die DVPB NW  fordert die Landesregierung auf, wie in ihren Wahlprogrammen angekündigt, die politische Bildung zu stärken. Im Regierungsprogramm der CDU wird ausgeführt:

„Wir setzen uns dafür ein, dass in allen Schulformen verstärkt über unseren Staatsaufbau, die Grundwerte und Rechte in unserer Demokratie aufgeklärt wird. Demokratie braucht mündige Bürgerinnen und Bürger, die unsere Grundwerte leben.“ (S. 54). Für das Gymnasium wurde versprochen: „Das Fach Wirtschaft wird im Wahlpflichtbereich gestärkt.“ (S. 68).

Auch im Wahlprogramm der FDP wurde ein Schulfach „Politik, Wirtschaft, Recht“ in der gesamten Sekundarstufe I (S. 11) versprochen. Die FDP kündigte des Weiteren

die „Ausweitung des bisherigen Fachs Sozialwissenschaften zu einem neuen Fach ‚Politik, Wirtschaft, Recht‘ an, in dem „die Themen ‚Wirtschaft‘, ‚Selbständigkeit‘ und ‚Unternehmertum‘ „stärker vermittelt werden“ müssen (S. 24).

Politische Bildung ist in der Landesverfassung des Landes Nordrhein-Westfalen explizit als Bildungsauftrag verankert. Diese besondere Stellung des Lernbereichs erfolgte unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Diktatur. Gegenwärtig erleben wir erneut eine Erosion der Zustimmungswerte zur Demokratie, wachsenden rechten Populismus in der Mitte der Gesellschaft, die Gefahr des Terrorismus und eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung. Angesichts des digitalen Wandels und der hiermit einhergehenden Umbrüche auf den Arbeitsmärkten und in der Gesellschaft insgesamt werden sich diese Entwicklungen noch verschärfen. Hierauf reagierend fordern derzeit Politiker*innen  aller Parteien mehr politisch-demokratische Bildung an Schulen. Wie ernst es Politiker*innen in Nordrhein-Westfalen mit dieser Forderung ist, werden wir bald im Landtag NRW erleben können.

Der  Vorstand der DVPB NW, vertreten durch Prof. Dr. Bettina Zurstrassen (Vorsitzende DVPB NW)

 

Quellen

CDU: Zuhören, handeln, entscheiden. Regierungsprogramm der CDU 2017-2022, online: https://www.cdu-nrw.de/sites/default/files/media/docs/2017-04-01_regierungsprogramm_cdu_fuer_nrw_2017-2022.pdf

FDP: Landtagswahlprogramm 2017. Es geht um unser Land, online: https://www.fdp.nrw/sites/default/files/2017-05/Landtagswahlprogramm2017_0.pdf.

Vodafone-Stiftung Deutschland (2014): Schule – und was dann? Herausforderungen bei der Berufsorientierung von Schülern in Deutschland. In: https://www.vodafone-stiftung.de/uploads/tx…/VSD-ALLENSBACH-2014-WEB.pdf.

Presseerklärung des MSB vom 26.11.2018:

Faktenblatt_Schulfach_Wirtschaft

pm_msb-26_11_2018-1